Die Natur ist ungerecht: Venenleiden sind häufiger Frauen- als Männersache. Gründe dafür sind vermutlich Hormone und das schwächere Bindegewebe von Frauen. Dennoch sind auch Männer betroffen, sie lassen sich allerdings viel seltener behandeln. Sicher auch, weil für die Herren das ästhetische Thema eine geringere Rolle spielt – was vermutlich viele Frauen sehr bedauern. Wer aber glaubt, dass es bei Besenreisern und Krampfadern nur um Schönheitsmakel geht, der irrt. Denn: Wer zu lange mit einer Behandlung wartet, riskiert ernstere Probleme.

Typische erste Zeichen von Venenleiden sind grosse, hervorstehende Venen sowie ein Schweregefühl und Ziehen in den Beinen, besonders nach langem Stehen wie es zum Beispiel typisch ist für Tätigkeiten im Verkauf. Aber auch langes Sitzen auf Reisen kann zu Venenbeschwerden führen. Bei den genannten Symptomen sollte ein Facharzt aufgesucht werden.

myHEALTH: Frau Dr. Holzinger, wenn Frauen zur Behandlung ihrer Venenleiden in Ihre Praxis kommen, geschieht dies überwiegend aus ästhetischen Gründen?

Dr. Holzinger: Anlass für die Behandlung eines Venenleidens ist zwar bei jungen Frauen eher die Ästhetik, doch bei älteren Frauen sind meist Schmerzen und Beschwerden im Vordergrund. Allerdings sagt die Stärke der Beschwerden nicht unbedingt etwas über den Schweregrad der Erkrankung aus.

myHEALTH: Ab welchem Alter gibt es denn Probleme mit den Venen?

Dr. Holzinger: Das kann man nicht generell sagen. Aber je älter Menschen werden, desto häufiger haben sie schwere Krampfadern und entsprechende klinische Probleme.

myHEALTH: Welche Behandlungsmethoden gibt es?

Dr. Holzinger: Bei den Erkrankungen der Stammvenen und bei grossen Krampfadern stehen die Operation, bzw. die neuen kathetertechnischen Methoden, an erster Stelle. Gegenüber den Operationen stellen die kathetertechnischen, endovenösen Verfahren einen grossen Fortschritt dar. Die Krampfadern werden dabei von innen mit Laser, Hitze oder auch mit Kleber behandelt. Das geschieht alles ambulant.

myHEALTH: Sind diese neuen Behandlungen schmerzhaft?

Dr. Holzinger: Die Behandlungen selber schmerzen nicht, da man eine Lokalanästhesie erhält. Gegenüber den Operationen sind die Schmerzen nach dem Eingriff jedoch geringer. Allerdings sind nicht alle Venen für die Katheterbehandlung geeignet. In vielen Situationen ist die klassische Operation immer noch die beste Wahl. Die kathetertechnischen Eingriffe werden häufig auch mit Operationen der kleineren Venen kombiniert.

myHEALTH: Worin besteht der Unterschied beider Techniken?

Dr. Holzinger: Bei den Operationen werden die Venen entfernt. Bei der Kathetertechnik hingegen werden sie von innen „zugeklebt“.

myHEALTH: Wie sieht es mit den Kosten der modernen Techniken aus?

Dr. Holzinger: Seit 2016 übernehmen die Krankenkassen in der Schweiz die Kosten.

myHEALTH: Viele Menschen haben vermutlich schon vom sogenannten „Veröden“ gehört. Wann wird diese Therapie angewandt?

Dr. Holzinger: Veröden oder Sklerotherapie ist die erste Wahl der Behandlung von ästhetisch störenden kleineren Krampfadern und Besenreisern. Aber auch grössere Krampfadern ohne Beteiligung der Stammvenen können oft gut verödet werden.

myHEALTH: Gibt es auch hierbei Fortschritte?

Dr. Holzinger: Beim Veröden ist der grosse Fortschritt der letzten Jahre die Schaumverödung. Sie wirkt besser als die früheren Methoden. Es wird eine Substanz in die Venen gespritzt, die die Venen ebenfalls verklebt. Dies geschieht aber ohne Katheter, sondern mit einer Spritze. Es gibt die Verödung mit einer flüssigen oder mit einer geschäumten Substanz. Der Schaum hat eine stärkere Wirkung bei gleichzeitig geringeren Nebenwirkungen.

myHEALTH: Welche Formen der Vorbeugung gibt es, damit Venenprobleme gar nicht oder erst spät auftauchen?

Dr. Holzinger: Sehr viel kann man vorsorglich nicht machen, weil es vor allem eine Sache der Veranlagung ist. Man sollte aber schauen, dass man nicht allzu viel steht, sondern sich viel bewegt. Wichtig ist es auch, Übergewicht zu vermeiden.

myHEALTH: Gibt es Hilfsmittel, wenn Venenleiden bereits zu Beschwerden führen?

Dr. Holzinger: Stützstrümpfe oder Kompressionsstrümpfe helfen in der Regel gut, die schweren Beine zu beruhigen und somit zu behandeln.

myHEALTH: Können Krampfadern auch gefährlich werden, indem sie etwa zu Thrombosen führen?

Dr. Holzinger: Thrombosen kann es bei schweren Krampfadern geben und können auch zu Lungenembolien führen. Gefährlich kann es aber auch werden, wenn fortgeschrittene Krampfadern zu Durchblutungsstörungen der Haut führen. Die Folge davon können – meist im höheren Alter – offene Beine sein.

myHEALTH: Was genau versteht man darunter?

Dr. Holzinger: Das sind Wunden an Unterschenkeln oder im Knöchelbereich, die nicht mehr heilen. Heute gibt es das aber zum Glück viel seltener als früher weil die Krampfadern rechtzeitig behandelt werden. Es gibt heute gute Behandlungsmöglichkeiten für jede Situation von Krampfaderleiden.

myHEALTH: Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Ödeme, also Wassereinlagerungen im Bindegewebe?

Dr. Holzinger: Ödeme im Knöchelbereich sind manchmal frühe Zeichen von medizinischen Venenproblemen, die später durch den Blutstau zu offenen Beinen führen können. Wenn Ödeme auftreten, sollte ein Facharzt aufgesucht werden, um abzuklären, ob es sich um ein Venenproblem handelt.

myHEALTH: Wie sieht in so einem Fall die Therapie aus?

Dr. Holzinger: Bei Ödemen handelt es sich um ein Problem der Stammvenen oder der tiefen Venen. Hier wäre die Therapie eine Operation, ein kathetertechnischer Eingriff oder die Kompressionstherapie. Der Venenspezialist oder der Angiologe erkennt aufgrund der Untersuchung, welche der Behandlungsoptionen angebracht ist.

myHEALTH: Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Dr. Holzinger.

Dr. phil. Kai Kaufmann
Freier Journalist