Die Brennnessel (lateinisch: urtica) hat der Krankheit ihren Namen gegeben: Das von den für die Urtikaria charakteristischen Quaddeln ausgehende Jucken erinnert an den Kontakt mit der unliebsamen Pflanze. Gelegentlich gehören auch schmerzende Schwellungen in tieferen Hautschichten, sogenannte Angioödeme, zu den Symptomen der Nesselsucht.

Bei der Urtikaria handelt es sich um eine Überreaktion der Nerven und Gefässe in der Haut auf die Freisetzung von Histamin in den Mastzellen. Etwa 25 Prozent der Menschen sind im Laufe ihres Lebens mindestens einmal von der Urtikaria betroffen, allerdings mehrheitlich in einer vergleichsweise milden Form: Bei der akuten Urtikaria halten die Beschwerden nur wenige Stunden oder Tage an. Hier sind Allergien, Lebensmittel oder Zusatzstoffe in der Nahrung bzw. Medikamente die verbreiteten Auslöser. Auch Insektengift kann eine akute Nesselsucht hervorrufen.

Zeigen sich die Quaddeln konstant oder in Schüben über sechs und mehr Wochen, liegt eine chronische Urtikaria vor. Deren Ursache zu ermitteln fällt häufig schwer, denn neben von aussen zugeführten Stoffen können auch verschiedenste physikalische Reize wie Druck, Sonnenlicht, Wärme und Kälte eine Nesselsucht auslösen.

Therapie in Eskalationsstufen

Dr. med. Martin Glatz, Dermatologe und Allergologe am UniversitätsSpital Zürich, begleitet Betroffene von der Diagnose bis zur Therapie. «Bei Patienten, die mit unspezifischen Symptomen zu uns kommen, ermitteln wir die medizinische Vorgeschichte und untersuchen die Haut und auch das Blut. Andere Patienten, die schon sehr lange an Urtikaria leiden, unterstützen wir bei der Suche nach einer geeigneteren Therapie.»

Bei der Behandlung von Urtikaria hat sich ein Stufenmodell etabliert: Zunächst werden Antihistaminika eingesetzt – klassische Allergietabletten, die dem von den Mastzellen freigesetzten Histamin entgegenwirken. Wenn diese nicht anschlagen, sind Biologika das Mittel der Wahl. Sie greifen in die körpereigene Reaktionskette ein und unterbinden den Ausbruch der Urtikaria. In sehr schweren Fällen werden Immunblocker verabreicht, die sich aufgrund ihrer Nebenwirkungen jedoch nicht für die längerfristige Einnahme eignen.

Auch wenn Patienten mit Tagebuchaufzeichnungen den Mediziner bei der Ermittlung der Krankheitsursache unterstützen können, bleibt die Suche nach einem Auslöser der chronischen Urtikaria oft ergebnislos. «Urtikaria ist sicher unangenehm, aber nicht gefährlich im eigentlichen Sinn», meint Dr. Glatz. «Viel schwerwiegender ist für viele Patienten die totale Unsicherheit, die sie überkommt, wenn kein Verursacher benannt werden kann.» Der Mediziner ist häufig mit verstörten Betroffenen konfrontiert, die mit ihrer Erkrankung hadern. «Wenn die Auslöser bekannt sind, können sie vermieden werden. Das ist bei der chronischen Urtikaria nur selten der Fall. Darüber hinaus gibt es zu Beginn der Erkrankung keinerlei Anzeichen dafür, wie lange und wie intensiv die Urtikaria sein wird. Das wirkt verständlicherweise sehr beunruhigend.»

Bewusster Umgang ohne Panik

Dr. Glatz erklärt, dass es meist eine längere Zeit braucht, bis sich die Patienten ihrem Schicksal fügen. «Irgendwann stellt sich ein gewisser Fatalismus ein, die Erwartungshaltung senkt sich», so der Experte. Betroffene konzentrierten sich nicht mehr auf die quälende Frage nach der Krankheitsursache, sondern erfreuten sich eher an der wirkenden Therapie.

Dennoch hält er nicht viel davon, Urtikaria zu skandalisieren. Die überwältigende Mehrheit der an Urtikaria Erkrankenden würde sich der Nesselsucht kaum richtig bewusstwerden, zu schnell seien die Symptome auch schon wieder vergangen. «In diesen Fällen gibt es wirklich keinen Grund zur Sorge», beruhigt Dr. Glatz. «Erst wenn die Quaddeln eine längere Zeit über auftreten, sollte der Hausarzt aufgesucht werden. Dieser überweist dann gegebenenfalls zu einem Fachkollegen.»

Dr. phil. Bernhard Spring
Freier Journalist