Fachleute unterscheiden zwischen männlichem Muster (male pattern) und weiblichem Muster (female pattern), wie Dr. Thomas Kündig, Leitender Arzt an der dermatologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich, sagt.

Bei Männern kann Haarausfall schon in der Pubertät beginnen. Er ist erblich bedingt: Ursache ist eine Empfindlichkeit der Haarfollikel gegenüber dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron. Bei eineiigen Zwillingen könne beobachtet werden, wie sie in gleichem Ausmass Geheimratsecken und Tonsuren entwickelten, sagt Dr. Thomas Kündig.

Die Betroffenen-Quote bei Männern liegt je nach Alter bis zu 60 Prozent. Allerdings können Männer mit Kahlheit oft besser umgehen - schon weil sie der Mythos des „besseren Liebhabers“umgibt - und manchem Mann steht eine Glatze sogar.

<< Beim diffusen Haarausfall wird der Haarwuchs auf dem ganzen Kopf dünner .>>

Weitgehend unbekannte Ursachen bei Frauen

Frauen leiden viel mehr unter dünnerem Haar: Lange glaubte man, auch der weibliche Haarausfall sei hormonabhängig und durch Testosteron verursacht. Das war ein Irrtum, wie Dr. Thomas Kündig sagt. Antibabypillen, die die männlichen Hormone blockieren, nützten nichts. Man kennt die Ursachen des diffusen Haarausfalls bei Frauen nicht.

Folge des Alterungsprozesses

Bei Frauen nimmt die Haardichte linear ab und zwar nicht schon in der Menopause. Es ist ein degenerativer Alterungsprozess der Kopfhaut. „Genau wie die Knochen, wird auch Haar im Alter abgebaut“, sagt Dr. Thomas Kündig.

Eine klare Diagnose ist wichtig. Manchmal können auch eine Kopfhauterkrankung, Bakterien oder Pilze die Ursachen sein. Die Haarsprechstunden von Dermatologen oder Dermatologinnen sind die besten Anlaufstellen.

Zytostatika (Chemotherapie) können in höherer Dosierung Haarausfall verursachen; auch gewisse Aknemittel können dieselbe unangenehme Wirkung haben. Allerdings: Dieser Haarausfall ist reversibel. Nach Absetzen der Medikamente wachsen die Haare wieder nach. Bei strengen Diäten kann es zu Eisenmangel kommen. „Das ist nicht gut für die Haare“, sagt Dr. Thomas Kündig. Vegetarier und Veganer sind besonders stark betroffen.

Was nichts nützt

Nicht belegt ist Stress als auslösender Faktor –wie oft behauptet wird. Ebenso wenig gibt es laut Dr. Thomas Kündig wissenschaftliche Belege für Vitaminmangel als Grund. Eine Studie mit hunderten Probanden in Bezug auf Zink, Folsäure und Vitamin B12 ergab: Leute mit Haarausfallproblem hatten, wenn überhaupt etwas, mehr dieser Substanzen im Blut als solche ohne Haarausfall. Ebenso sei Koffein als „Heilmittel“gegen Haarausfall nicht belegt, so Dr. Thomas Kündig.

Keine Frage des Lebensstils

Der vielzitierte Vitaminmangel komme in der Schweiz kaum vor, sagt Dr. Thomas Kündig. Ohne vorherige Abklärung unbesehen Vitamine zu schlucken, sei nutzlos und womöglich kontraproduktiv, warnt er. Genauso unsinnig sei das viel zitierte „Säuren-Basen-Gleichgewicht“.

Hingegen können bestimmte Krankheiten, beispielsweise eine Schilddrüsenunterfunktion oder -überfunktion bei Frauen Haarausfall verursachen. Beide Erkrankungen sind nicht leicht zu erkennen, da sie oft nicht mit deutlichen Symptomen einhergehen.

Was man dagegen tun kann

Produkte mit dem Wirkstoff Minoxidil, die in der Schweiz und in anderen Ländern unter verschiedenen Namen rezeptfrei erhältlich sind, sind wirksame Mittel gegen Haarausfall. Als Haarwasser wirke der Wirkstoff Minoxidil erstaunlich gut, sagt Dr. Thomas Kündig. Studien hätten ergeben, dass 80 von 100 Frauen wieder mehr und dichteres Haar bekommen hätten und die Haare wieder länger wachsen.

Wangen-Flaum

Was wirkt, hat manchmal auch Nebenwirkungen: Bei einigen Frauen wächst auf Wangen und Oberlippe ein leichter Flaum. Wird die Tinktur vorübergehend abgesetzt, kommt es wieder zu Haarausfall.

Der Wirkstoff Minoxidil wird bei Männern als zwei- bis fünfprozentige Lösung verschrieben. Bei Frauen wird die zweiprozentige Zubereitung gewählt, um Nebenwirkungen möglichst gering zu halten, sagt Dr. Thomas Kündig. Diese Mittel müssen ständig angewendet werden. Der Wirkmechanismus ist nicht genau bekannt.

Ein Kosmetikhersteller hat ein Mittel mit dem Wirkstoff Kopexil ein Mittel auf den Markt gebracht, das ebenfalls Haarausfall beheben soll. Der Wirkstoff Kopexil wirke etwas schwächer als der Wirkstoff Minoxidil, sagt Dr. Thomas Kündig.

Nur bei Männern kann, neben dem Wirkstoff Minoxidil, noch eine Tablette verschrieben werden, die die Wirkung männlicher Hormone an der Haarwurzel blockiert: der verschreibungspflichtige Arzneistoff Finasteride. „Auch dieses Mittel ist nachweislich wirksam,“so Dr. Thomas Kündig.

Da jedes wirksame Medikament möglicherweise auch Nebenwirkungen haben kann, ist es selbstverständlich, dass Arzt und Patient dabei eine Nutzen-Risiko-Abwägung vornehmen.

Margrith Widmer
freie Journalistin