Das Infantile Hämangiom, auch Blutschwamm genannt, tritt in den ersten vier Lebenswochen des Säuglings auf. Aus einem anfangs unscheinbaren roten Fleck entwickelt sich dabei ein rasch wachsendes, gerötetes Knötchen, das im Volksmund Erdbeerfleck genannt wird. Bildet sich diese Wucherung von Blutgefässen in tieferen Hautschichten, zeichnet sie sich bläulich schimmernd auf der Hautoberfläche ab. Beide Formen des Hämangioms können gemeinsam als auch getrennt voneinander erscheinen, wobei allerdings der sogenannte Erdbeerfleck bei der Mehrheit der Betroffenen auftritt.

Wodurch diese Hauterkrankung, die als häufigster Tumor im Kindesalter gilt, ausgelöst wird, ist nach wie vor unklar. „Wahrscheinlich liegen genetische Gründe vor“, erklärt Dr. med. Lisa Weibel, Leitende Ärztin Dermatologie am Kinderspital Zürich. „Bislang sind allerdings noch keine klaren Einflussfaktoren bekannt.“

Harmlos oder gefährlich?

Etwa fünf Prozent aller Kinder sind von dem Blutschwamm betroffen, wobei in den meisten Fällen der Krankheitsverlauf verhältnismässig unproblematisch bleibt: Nach einer Phase schnellen Wachstums vor allem in den ersten zwei bis drei Lebensmonaten weist der Tumor nach dem sechsten Lebensmonat eine längere Zeit lang keine Veränderungen auf, bevor er in der anschliessenden Phase der Regression zunächst merklich verblasst und schliesslich an Grösse verliert. Bei etwa 80 Prozent der betroffenen Kinder ist eine Therapie überflüssig, da der Tumor harmlos bleibt und so gut wie keine Spuren auf der Haut hinterlässt.

In anderen Fällen jedoch ist eine Behandlung unumgänglich, etwa wenn der Knoten derart gross werden könnte, dass nach seiner Rückbildung Narben oder andere Gewebeschäden zurückzubleiben drohen. „Die Dynamik des Wachstums in den ersten sechs Wochen lässt das zu erwartende Ausmass sicher vermuten“, weiss Dr. Weibel und empfiehlt aus diesem Grund, bei einem Verdacht auf ein Infantiles Hämangiom vermehrt den Kinderarzt aufzusuchen, um das Wachstum des Tumors zeitnah zu verfolgen und gegebenenfalls schnell genug einschreiten zu können. „Der Kinderarzt hat die Möglichkeit, Fotoaufnahmen des Kindes zur Beurteilung mittels teledermatologischen Service an die Fachärzte zu leiten. Zunächst sind aber auch Hebammen und Mütterberatungen hilfreiche Anlaufstellen“, erklärt Dr. Weibel.

Doch nicht nur zur Vermeidung von später möglicherweise störenden oder gar stigmatisierenden Hautveränderungen ist bei einem Hämangiom die Wachstumsphase besonders aufmerksam zu verfolgen. An kritischen Stellen wie dem Augenlid, der Lippe, der Nase oder der Ohrmuschel kann ein solches Knötchen schwerwiegende Entwicklungsschäden verursachen. Im Genitalbereich werden Blutschwämme oft wund, schmerzen und können sich infizieren. Bei Mädchen, die weitaus häufiger als Jungen von Hämangiomen betroffen sind, gilt auch die Brust als eine kritische Stelle. „Da sollte nicht abgewartet werden“, warnt Dr. Weibel. „Wir gehen heute davon aus, dass 15 bis 20 Prozent der Betroffenen eine Therapie benötigen.“

Kein Spiel auf Zeit

Behandelt wird das Hämangiom mit einem Betablocker, durch den die Wachstumsphase des Hämangioms gestoppt und die Phase der Rückbildung sofort eingeleitet werden kann. „Gegenüber dieser Behandlungsmethode haben heute alle anderen ‚alten‘ Methoden eigentlich an Bedeutung verloren. Selbst Operationen werden heute fast ausschliesslich nur noch zur Beseitigung ästhetischer Folgen durchgeführt“, erklärt Dr. Weibel. Doch egal, ob sich körperliche oder ästhetische Beeinträchtigungen einstellen könnten, sind bei einem Infantilen Hämangiom in jedem Fall eine genaue Beobachtung und eine schnelle Entscheidung verlangt. „Immer noch wird der Facharzt häufig erst dann aufgesucht, wenn das Hämangiom bereits richtig gross geworden ist“, erklärt Dr. Weibel. „Setzt die Therapie hingegen noch in der Wachstumsphase ein, können nicht nur Komplikationen, sondern auch Spätfolgen viel besser vermieden werden.“

Dr. Bernhard Spring
freier Journalist
27.05.2015