Haar gilt als Symbol der Lebenskraft. Es steht für sexuelle Potenz, Attraktivität und Kraft. Samson konnte seine Kraft nur entfalten, solang sein üppiges Haupthaar wallte. Für die Naturisten (FKK) um 1900 waren lange Haare Antennen zum All.

Rasur, Tonsur, Glatzen

Offenes, langes Haar steht für ungebändigte Sexualität, lange Locken als Attribute der Weiblichkeit. Haareschneiden kann als Kastration empfunden werden. Während des Zweiten Weltkriegs wurden in Frankreich Frauen, die mit der Wehrmacht kollaborierten, von der Résistance kahl geschoren. Die Rasur christlicher und buddhistischer Nonnen, die Tonsur der Priester, sind Zeichen der Hinwendung zu Gott; die Glatzen der Skinheads signalisieren Zugehörigkeit zur Szene.

Die glatzköpfigen Schauspieler Yul Briner, Patrick Stewart und Bruce Willis gelten als coole Actionhelden. Anderseits zeigten Studien, dass Männer mit vollem Haar im Job die besseren Chancen haben, sagt Dr. med. Pierre de Viragh, Facharzt FMH für Dermatologie und Venerologie. Auch in der Politik gilt volles Haupthaar als Erfolgsfaktor - manche Politiker, die unter Haarausfall leiden, behelfen sich mit Toupets.

Für manche sind schon lichte Geheimratsecken eine Katastrophe. Andere steckens gut weg. Nicht jeder Mann leidet darunter. Zu manchen Gesichtern passt eine Glatze gut.“ sagt Pierre de Viragh.

Schon in der Pubertät

Erblich bedingter Haarausfall (Alopecia androgenetica) trifft nicht nur Ältere; er kann auch schon Jugendlichen in der Pubertät widerfahren. Ein eigentliches Haarausfall-Gen“ gibt es nicht. Schuld am Dünnerwerden der Haare ist das Zusammenspiel vieler, teilweise schlecht bekannter Gene. Die Veranlagung kann deswegen auch eine Generation überspringen. Die Gene führen im Zusammenwirken zu einer gesteigerten Empfindlichkeit der Follikel (der Haarbälge unter der Haut) gegenüber Dihydrotestosteron (DHT) - ein Stoffwechselprodukt, das   aus Testosteron, dem männlichen Geschlechtshormon, entsteht.

Bereits 20 Prozent der 20-jährigen Männer leiden an Haarausfall. Pro Dekade kommen zirka zehn Prozent Betroffene dazu. Mit 100 Jahren hat jeder dünneres Haar.

Frauen leiden weniger oft unter erblich bedingtem Haarausfall und die Entwicklung verläuft weniger drastisch, weil weibliche Hormone den Haarwuchs fördern - er beginnt später, etwa ab 30: Da wird der Rossschwanz dünner. Das ist normal,“ sagt Pierre de Viragh.

Therapie-Möglichkeiten

100 Bürstenstriche pro Tag sind ebenso wirkungslos wie Multivitamin-Präparate, Hefe, Gelatine, Kieselerde-Tabletten oder eiweissreiche Ernährung. Wenn kein Mangel vorliegt, macht das alles im besten Fall nur schöne, aber nicht mehr Haare. Vitamine in Massen zu futtern, ist kontraproduktiv,“ warnt Pierre de Viragh. Zu viel Zink könne zum Beispiel Kupfermangel erzeugen, was wieder zu Haarausfall führe. Ein erwiesener Vitaminmangel müsse vorsichtig ausgeglichen werden. Vor Wundermitteln“ wird gewarnt: Darauf fallen zu viele Betroffene herein.

Minoxidil, eigentlich ein Mittel gegen Bluthochdruck, stabilisiert als Haarwasser bei zwei Mal täglicher Anwendung den Verlauf der Glatzenbildung. Und genau das ist die Crux: Viele Männer bringen - im Gegensatz zu Frauen - die nötige Kontinuität nicht auf,“ sagt de Viragh. Diese Behandlung kostet rund 35 Franken pro Monat und wird - wie alle Haarausfall-Therapien - nicht von den Krankenkassen übernommen.

Finasterid ist ein Wirkstoff, der nur bei Männern wirkt; er wird als Tablette einmal im Tag eingenommen - lebenslang - oder so lange der Mann seine Haare behalten will. Er blockiert die für die Follikel schädliche 5-Alpha-Reduktase. Wird das Mittel abgesetzt, beginnt der Haarausfall wieder. Die Finasterid -Therapie kostet rund 60 bis 80 Franken pro Monat.

Bei Frauen ist die Situation komplexer. Östrogene sorgen für dichteres, schöneres Haar; gewisse Gestagene können Haarausfall verursachen. Auch Schilddrüsen-Störungen führen zu Haarverlust - und zwar sowohl Über- wie auch Unterfunktion. In der Menopause nimmt die Östrogenproduktion ab, der Testosteron-Gegenspieler fehlt - auch Frauen leiden dann vermehrt unter Haarausfall. Wie im Einzelfall behandelt wird, mit Minoxidil, lokalem Östrogen, oder Hormontherapien in Tablettenform, muss sorgfältig mit dem Arzt besprochen werden.

Riesenmarkt Transplantation

Die chirurgische Wiederherstellung der Haarpracht ist ein Riesenmarkt. Bei Frauen ist die Operation heikler als bei Männern. Die Operation macht aber die medizinische Behandlung nicht überflüssig, weil sonst die benachbarten Haare ausfallen und die verpflanzten wie Puppenhaare übrig bleiben; im Gegenteil: Operieren sollte man nur, wenn man auch bereit ist, danach die Pillen und Haarwasser regelmässig anzuwenden,“ warnt Pierre de Viragh.

Wie vorgehen?

Erste Anlaufstelle für Betroffene ist laut Pierre de Viragh der Hausarzt oder der Hautarzt - für Frauen auch der Gynäkologe; bei ungewöhnlichem Haarausfall empfiehlt sich immer der Gang zum Hautarzt, weil er als Spezialist auch mit seltenen Ursachen vertraut ist.

Margrith Widmer
Freie Journalistin