Als Caroline im Alter von 35 Jahren die Antibabypille absetzte, begann ein langer Leidensweg: Ihre Haare fielen aus. «Das war ganz schön schlimm für mich», erinnert sich die heute 51-Jährige. «Weil ich als Coiffeuse arbeite und mich den ganzen Tag mit Haaren beschäftige, ist mir mein Verlust natürlich sofort aufgefallen.» Ihr Haarausfall verlief wie bei Männern: Es zeichneten sich Geheimratsecken ab.

Kahle Stellen und Paranoia

«Zu Beginn meines Haarausfalls war ich ganz schön paranoid», sagt sie. «Ich fasste mir immer wieder in die Haare und dachte auch, dass alle ständig auf meine lichten Stellen starren.» Immer feiner werdendes Haar ist für Frauen sehr belastend, das weiss auch Dr. Ursula Gansser, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie: «Frauen sind eitler und zum Bild einer attraktiven Frau gehört volles und gesundes Haar in unserer Kultur einfach dazu. Es steht für Jugendlichkeit und Schönheit.» Frauen suchen daher auch viel schneller und häufiger den Rat eines Arztes als Männer.

Paranoia begleitet Caroline mittlerweile nicht mehr durch den Tag. Nach einem Arztbesuch stellte dieser bei ihr erblich bedingten Haarausfall fest, das heisst, die Haarwurzeln werden schwächer, die Haare fallen aus. Zwar waren Carolines Haare auch vor dem Haarausfall schon immer dünn gewesen, so wenige wie heute waren es jedoch noch nie.

Erblich bedingter Haarausfall und Hormone

In Carolines Familie leiden fast alle unter einer schlechten Haarqualität und frühzeitigem Haarausfall, auch die Frauen. Deshalb konnte Sie bereits ahnen, dass ihr Haarverlust erblich bedingt ist. Bei ihrer Mutter fing der Ausfall jedoch erst viel später an, im Alter von 65 Jahren. Carolines Sohn ist heute erst 18 Jahre alt und auch bei ihm wird das Haar bereits weniger.

Ihr Dermatologe erklärte ihr nach der Diagnose, dass erblich bedingter Haarausfall ziemlich verbreitet ist. Ursache ist eine Überempfindlichkeit der Haarwurzeln gegen die männlichen Geschlechtshormone, die sogenannten Androgene. Hauptverantwortlich dafür: Dihydrotestosteron (DHT). Diese Empfindlichkeit wird vererbt und betrifft zwei Drittel aller Männer und ein Drittel aller Frauen.

Bei Frauen schützt das weibliche Sexualhormon Östrogen lange Zeit auf natürliche Weise vor dem schädlichen DHT-Effekt. Sinkt der Östrogenspiegel jedoch in Folge einer Veränderung im Hormonhaushalt, z.B. durch eine Schwangerschaft oder die einsetzende Menopause, kann Haarausfall die Folge sein. Auch eine Pillenpause oder die Einnahme von Medikamenten können den Östrogenschutz reduzieren und so den schädlichen Einfluss von DHT verstärken.

Antibabypille zur Hilfe

Um das hormonelle Gleichgewicht wieder herzustellen riet Carolines Arzt ihr daher, wieder die Antibabypille einzunehmen. Die Coiffeuse nahm weitere zehn Jahre die Pille und wie beabsichtigt verschlechterte sich der Haarausfall während dieser Zeit nicht. Als Caroline vor einem Jahr dann wechseljahrbedingt die Pille komplett absetzte, fielen die Haare wieder aus: «Es wurde wirklich krass.»

Diese Entwicklung war abzusehen, da der Hormonhaushalt nicht länger durch die Antibabypille unterstützt wurde. In den Wechseljahren sinkt der Östrogenspiegel und das Sexualhormon als natürlicher Gegenspieler des DHT fehlt. Die mögliche Folge der Veränderung im Hormonhaushalt: Haarausfall.

«30 Prozent aller Frauen leiden während ihrer Wechseljahre unter Haarausfall», weiss auch Dr. Ursula Gansser. Caroline hatte nicht nur mit den gewöhnlichen Beschwerden in den Wechseljahren zu kämpfen, sondern auch mit ihrem neuen Erscheinungsbild und mit Komplexen. «Ich dachte echt: HILFE! Mein Haarausfall war besonders für mich als Frau eine enorme psychische Belastung», sagt sie.

Dauertherapie und ausgewogene Ernährung

Caroline begab sich erneut bei ihrem Dermatologen in Behandlung. Bei erblich bedingtem Haarausfall geht es darum, den „IST-Zustand“ zu erhalten, da ohne Behandlung der Haarverlust stetig fortschreiten würde. Nach eingehender Beratung entschied sie sich für ein Arzneimittel zur Anwendung auf der Kopfhaut, morgens und abends.

Der Arzt erklärte ihr, dass die Behandlung eine Dauertherapie ist, welche erst nach mehreren Monaten erste Erfolge zeigt. Diese sind dann aber dauerhaft, sofern man die Behandlung konsequent fortführt.

Erblich bedingter Haarausfall ist nicht bei jeder Frau der Grund für den Haarverlust: «Es gibt ganz viele weitere Ursachen für den Haarausfall, ein häufiger Grund ist z.B. Eisenmangel, welcher bei einer unausgewogenen Ernährung oder starken Menstruationsblutungen auftreten kann», sagt Dr. Gansser. Besonders Frauen, die häufig Diäten machen und sich deshalb nicht ausreichend abwechslungsreich und vielseitig ernähren, klagen über Haarausfall. «Es ist doch verrückt: Zu unserem westlichen Schönheitsbild gehört es, schlank zu sein und schönes, volles Haar zu haben. Frauen, die um jeden Preis dünn sein wollen, riskieren bei einer Mangelernährung die Gesundheit ihrer Haare, denn auch Haare brauchen Nährstoffe zum Leben.»

* Name von der Redaktion geändert

Joelle Weil
Freie Journalistin
06.02.2016