Haben Sie schon mal versucht, Ihren alten Computer mit brandneuer Software zu füttern? Keine gute Idee. Der betagte Rechner wird entweder sofort abgestürzt sein oder nur gaaanz langsam weiter geschuftet haben. So ähnlich läuft es auch mit uns Menschen. Wäre die Millionen Jahre alte Evolutionsgeschichte unserer Spezies auf einer Uhr abgebildet, wäre der moderne Mensch des Industriezeitalters nur wenige Minuten alt. Unsere Gene sind noch auf dem Stand unserer Urahnen. Kein Wunder, dass unser Körper oft rebelliert, wenn wir ihn mit für ihn neuen chemischen Produkten „füttern“. Und das gilt nicht nur für Nahrungsmittel, es gilt auch für unsere Haut. Sie ist für synthetische „High-Tech“-Pflege voller Chemie einfach nicht gemacht. „Menschheitsgeschichtlich gesehen befindet sich unserer Körper bei chemischen Stoffen natürlich noch in der „Erprobungsphase“, erläutert Professor Saller, der erster Inhaber eines schweizerischen Lehrstuhls für Naturheilkunde (USZ) war.

Dschungel-Prüfung: Vielfalt

Doch auf welche Pflanzen, Vitalstoffe, Vitamine etc. soll der Verbraucher nun achten, wenn er in der Drogerie nach Produkten für die natürliche Hautpflege schaut? Ganz so einfach lässt sich das leider nicht beantworten. „Es gab ja lange Zeit einen gewissen Irrglauben“, so Saller. „Man dachte, man setzt ein Produkt aus möglichst vielen Stoffen zusammen und überträgt die bekannten Wirkungen einzelner Pflanzen auf das ganze Produkt. Doch das Gemisch bildet möglicherweise einen ganz neuen Wirkstoff.“ Bei vielen Dutzend Stoffen in nur einem Produkt lässt sich die erzielte Wirkung also nicht wirklich auf einzelne Bestandteile zurückführen. Als Grundorientierung für den Verbraucher sind laut Professor Saller aber Gütesiegel wie „Natrue“, „Ecocert“ oder „BDIH“ und „Berichte“ wie „Stiftung Warentest“ durchaus hilfreich.

Ganz zauberhaft: die Hamamelis

Dies einmal vorausgeschickt, gibt es dennoch Pflanzen, deren Wirkungen aus medizinischer Sicht im Vordergrund stehen.„Hierzu gehören beispielsweise die unterschiedlichsten Hamamelis-Drogen und alles was aus ihren Blättern, der Rinde usw. hergestellt wird“, so der Experte für Naturheilkunde. Hamamelis ist auch als Zaubernuss bekannt und schon die Ureinwohner Nordamerikas nutzten sie zur Heilung von Wunden. Ihr „Zauber“ wird unter anderem in Gesichtswässern z.B. gegen leichten Juckreiz eingesetzt. Vermutlich beruht diese Wirkung auf den Gerbstoffen in ihren Blättern. Als Hamamelis-Wasser dient ihr ätherisches Öl zur Erfrischung nach der Rasur.

Gerade modern: die Speikpflanze

Kamillen- und Lavendelzubereitungen, zum Teil auch die Pfefferminze gehören laut Professor Saller ebenfalls zu den medizinisch besonders wichtigen pflanzlichen Wirkstoffen. „Geradezu modern ist in diesem Zusammenhang die Speikpflanze“, so Saller.Weltweit ist die schmächtige Pflanze mit dem herben, durchaus gewöhnungsbedürftigen Geruch einzig in den Kärntner Alpen zu finden.Das hochalpine Pflänzchen wirkt beruhigend und wird sogar bei Babys zur Hautpflege eingesetzt.

Wahrer Evergreen: die Aloe Vera

In Sachen Schutz für die Haut, Hilfe bei Entzündungen und Schäden durch Sonneneinstrahlung sind laut Saller insbesondere Zubereitungen aus den Blättern der echten Aloe (Aloe Vera) von besonderer Bedeutung. Genau das macht die kaktusähnliche Wüstenlilie auch zu einem Evergreen: Schon seit Jahrtausenden wird ihr Gel zur Hautpflege eingesetzt.

Ruhestifter: Johanniskraut

Mancher mag Johanniskraut als Tee oder in Tablettenform als natürliches Beruhigungsmittel kennen. Doch es befördert auch die Wundheilung der Haut und reduziert unerwünschte Keime. „Johanniskrautzubereitungen wirken äusserlich angewendet anti-entzündlich“, weiß unser Experte.

Küchengehilfe: Koriander

Stark entzündungshemmend ist auch der Koriander. Eher als Gewürz bekannt, wird er in der Hautpflege immer beliebter. „In der nächsten Zeit wird es eine Reihe von Produkten geben, die aus Koriandersamen- und öl hergestellt werden“, skizziert Saller den kommenden Trend. Aber aufgepasst – eine Warnung vom Fachmann: „Den Geruch von Koriander muss man allerdings aushalten können...!“

Faltenbügler: Tee

Schon unsere Omas wussten: Teebeutel gehören nicht nur in die Becher, sie wirken auch Wunder auf müden Augen: „Schwarz- und Grüntee sind auch heute wieder sehr modern, um ermattete Augen munter zu machen“, weiß Saller und bestätigt. „Es gibt tatsächlich sehr viel Erfahrung, dass dies wirksam sein kann.“ Oma hatte also wieder mal Recht.

Teebeutel im Gesicht sind sicher das geringste „Übel“ angesichts von Anti-Aging-Massnahmen à la Botox und Co. Experte Saller: „Wir werden nun mal älter und sollten nicht übertrieben jugendlich aussehen wollen. Das finde ich zumindest.“ Ein weises Schlusswort. Für einen honorigen Herren leider immer noch etwas leichter auszusprechen als für eine Dame – egal, wie honorig.

Dr. Kai Kaufmann
freier Journalist
12.12.2014