Wer Nico zum ersten Mal sieht, würde zunächst nicht vermuten, was ihn bewegt: sein Haarausfall. Nico ist 30 Jahre alt. Sein Haar scheint auf den ersten Blick dicht und dick, er selbst beschreibt es als «südländisch». Doch wer Nico kennt, merkt, dass sich in den letzten Jahren etwas verändert hat: Seit circa vier Jahren zeichnen sich an seinen Schläfen Geheimratsecken ab. Auch das Haar an seinem Hinterkopf ist dünner geworden. «Als ich 26 Jahre alt wurde, bemerkte ich zum ersten Mal eine Veränderung meines Haares», erinnert er sich. «In diesem Moment wurde mir schlagartig bewusst, dass ich älter werde.»

Psychologische Aspekte

Das war für ihn nicht leicht zu akzeptieren. Denn die psychologische Belastung ist auch für Männer ein nicht zu unterschätzender Aspekt des Haarausfalls. Nico stand immer mehr und länger vor dem Spiegel um zu kontrollieren, ob die Geheimratsecken freistehen. Er probierte verschiedene Mittel aus der Drogerie, leider ohne den gewünschten Erfolg. «Ich habe auch ständig meine Partnerin gefragt, ob der Haarausfall ihrer Meinung nach mehr wird oder nicht», sagt er. Bis sie von dem Thema so genervt war, dass Nico sich nicht mehr zu fragen traute. An diesem Punkt entschied er sich, den negativen Einfluss des Haarausfalls auf sein Leben nicht länger hinzunehmen, und suchte einen Arzt auf.

Mit dieser Entscheidung ist Nico aktuell noch ein Vorreiter. In der Regel gehört Haarausfall bei Männern zum Älterwerden und wird eher akzeptiert oder als Schicksal hingenommen. Das bedeutet allerdings nicht, dass ein Arztbesuch überflüssig wäre. «Wenn der Haarausfall früh beginnt, etwa vor dem 30. oder gar dem 20. Lebensjahr, ist ein medizinisches Gutachten ratsam, genauso auch dann, wenn extrem viel Haar ausfällt», sagt Frau Dr. Gansser, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie. Nebst dem medizinischen Aspekt dürfe man aber auch den psychologischen nicht ignorieren: Viele Männer leiden unter ihrem Haarausfall, fühlen sich nicht mehr männlich genug oder verlieren an Selbstbewusstsein. Auch bei solchen psychologischen und emotionalen Nebeneffekten empfiehlt sich ein Besuch beim Arzt. «Viele Kollegen nehmen diese Beschwerden wenig ernst, weil Haarausfall nicht gesundheitsbedrohlich ist. Doch die psychologischen Folgen darf man nicht unterschätzen», sagt die Ärztin.

Behandlung genau besprechen

Der Dermatologe erklärte Nico, dass anlagebedingter Haarausfall in seinem Alter leider nichts Ungewöhnliches sei. Trotzdem könne man etwas dagegen tun. Gemeinsam besprachen sie die verschiedenen Mittel, ihre Vor- und Nachteile sowie mögliche Nebenwirkungen. Schlussendlich entschied sich Nico für ein Arzneimittel-Spray zum Auftragen auf die Kopfhaut. Dieses wendet er nun seit knapp zwei Jahren an. Zu Beginn der Therapie gab es allerdings grosse Zweifel. «Als ich mit der Behandlung anfing, fielen mir im ersten Monat noch mehr Haare aus und ich bekam Panik. Mein Arzt erklärte mir dann, dass anfänglicher Haarverlust nicht negativ zu bewerten, sondern vielmehr ein Zeichen sei, dass das Mittel anschlägt. Ich solle das positiv sehen und konsequent mit der Behandlung weitermachen. Das sei das Wichtigste», erzählt Nico. Und tatsächlich: Nach anfänglichen Rückschlägen zeigte die Therapie Wirkung. Nico fielen weniger Haare aus und die Haarstruktur verbesserte sich insgesamt.

Lebensgewohnheiten überdenken und ändern

Nico überlässt das Schicksal seiner Haare aber nicht nur der Medizin. „Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto bewusster wurde mir, dass auch mein Lebensstil – sprich meine Ernährung und Stress – Einfluss auf meine Haare hat.“ Entsprechend begann er damit, bewusster und ausgewogener zu essen und mithilfe von Sport einen Ausgleich zum Alltagsstress zu schaffen, in der Hoffnung, dem Haarverlust so optimal entgegenwirken zu können. «Mein täglicher Haarausfall bewegt sich inzwischen wieder im Normbereich», sagt er.

Es kann durchaus sein, dass sich neben der medikamentösen Behandlung auch Nicos neuer Lebensstil positiv auf sein Haar ausgewirkt hat. Dass Ernährung mit der Haarqualität zusammenhängt, weiss auch Dr. Ursula Gansser: «Wer plötzlich Haare verliert, sollte auf jeden Fall in einem ersten Schritt seine Lebensgewohnheiten überdenken», rät sie. «Gibt es einen natürlichen Grund für meinen Haarausfall? Esse ich ausreichend und gesund? Esse ich abwechslungsreich genug? Bin ich vielleicht gestresst oder belastet mich etwas emotional? Für Haarausfall kann es verschiedene Gründe geben.»

Es gibt auch den jahresbedingten Haarwechsel, der mit einem plötzlichen Haarverlust einhergehen kann. «Das geschieht häufig im Herbst, vergleichbar mit der Veränderung des Fells bei Tieren», sagt Dr. Gansser.

Wenn man bei der Beantwortung dieser Fragen nach Stress oder anderen äusseren Faktoren eine mögliche Ursache für seinen Haarverlust sieht, sollte man seine Gewohnheiten ändern bzw. das Haarwachstum beobachten. «Ändert sich nach einem Monat nichts, sollte man einen Arzt aufsuchen. Der kann den Haarausfall einordnen und bietet medizinische Lösungsansätze an.»

Ein Blick in die Zukunft

Derzeit hat Nico sein Haar im Griff und hofft, dass ihm die Menge und Qualität seiner Haare erhalten bleibt. Die Behandlung mit dem Spray ist wie alle Therapien eine Dauertherapie. Bleibt er dabei, wird er sehr wahrscheinlich den Status quo erhalten können.

* Name von der Redaktion geändert

Joelle Weil
Freie Journalistin
06.01.2015